Was wäre wenn roman

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Am Abend ein Anruf aus dem Hospiz: Yigal, ein Kindheitsfreund, den Lizzie Doron vierzig Jahre lang nicht gesehen hat, bittet sie, sein letzter Besuch zu sein. Aber warum ausgerechnet sie?

Yigals Erfahrungen in der israelischen Armee machten ihn zum Aktivisten gegen die Politik seines Heimatlandes. Als Tochter einer Holocaust-�berlebenden hielt auch Lizzie ihn f�r einen Verr�ter und wandte sich von ihm ab. Jetzt stellt sie sich der Frage, wer damals wen verraten hat. In den fr�hen Morgenstunden macht Lizzie sich auf den Weg. In der Hoffnung, den Kindheitsfreund noch ein letztes Mal sehen zu k�nnen.

Lizzie Doron verwebt in ihrem autobiografisch geprägten Roman den Holocaust mit israelischer Besatzungspolitik. Ein taz Talk moderiert von Klaus Hillenbrand.

Letzter Besuch des Kindheitsfreundes im Hospiz Foto: Heike Bogenberger

Ein unerwarteter Anruf aus dem Hospiz: Yigal, ein Freund aus Kindertagen, bittet Lizzie Doron, sein letzter Besuch zu sein. Aber warum ausgerechnet sie?

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„Was wäre wenn“ ist ein Roman, in dem es um die Geschichte eines in letzter Minute wiedergefundenen Freundes geht und die Irrtümer der Vergangenheit auf persönlicher und politischer Ebene.

Vierzig Jahre lang haben die beiden sich nicht gesehen. Yigal ist ein Aktivist gegen die Politik seines Heimatlandes, beruhend auf seinen Erfahrungen in der israelischen Armee. Lizzie ist die Tochter einer Holocaust-Überlebenden. Sie hielt Yigal für einen Verräter und wandte sich deshalb von ihm ab. Jetzt stellt sie sich der Frage, wer damals wen verraten hat.

Der Roman ist autobiografisch geprägt und beschreibt eine Reise in die Vergangenheit, in der die Autorin Holocaust und israelische Besatzungspolitik miteinander in Verbindung setzt.

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Hier werden die eigenen Erlebnisse und Erinnerungen rekapituliert – von der Gegenwart im Dezember 2018 bis hin ins Jahr 1956, als Lizzie drei Jahre alt war. Lizzie Doron geht es ums Verstehen der Tragödien, der fremden wie der eigenen.

Was wäre wenn - ein taz Talk im Rahmen der Buchmesse Frankfurt mit:

Lizzie Doron ist 1953 in Tel Aviv geboren und wuchs dort in einer Gemeinde von Überlebenden der Shoa auf. Nach Ihrem Linguistik-Studium beginnt sie zu schreiben und es folgen mehrere Romane. 2018 bekommt Sie den Friedenspreis der Geschwister Korn und Gerstenmann-Stiftung. Ihr Roman „Was wäre wenn“ ist beim dtv Verlag erschienen.

Zu Gast im taz Talk spricht sie mit Klaus Hillenbrand, dem Leiter von taz eins, über ihr neustes Werk.

  • Lizzie Doron: Was wäre wenn

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Der eigenen Vergangenheit, dem Schmerz der Erinnerung entkommt keiner. Hat man ihn eine Zeitlang erfolgreich verdrängt, attackiert er einen eines Tages mit voller Wucht.

Bei Lizzie, der Hauptfigur des Romans "Was wäre wenn", tritt dieser Moment ein, als sie einen Anruf aus dem Hospiz erzählt. Ihr Kindheitsfreund Yigal bittet sie, der letzte Mensch zu sein, den er vor seinem Tod sieht. Lizzie fährt zu ihm. Auf den Besuch am Sterbebett folgt eine Flut von Flashbacks.

"Zum ersten Mal überhaupt kommt mir in den Sinn, dass mein ganzes Leben lang viele Menschen um mich waren, die etwas Schreckliches über diese Welt wussten. Aber nur sehr wenige von ihnen haben sich entschieden zu schreien. Eigentlich nur meine Mutter. Und Yigal."

Schreiben für das Verstehen

Der Besuch fördert Erinnerungen an Yigal zutage, mit dem Lizzie eine so komplizierte wie gefühlsgeladene Beziehung hatte. Aber auch an die gesellschaftlichen und familiären Umstände, die diese Freundschaft prägten. Es geht wie so oft in den Büchern von Lizzie Doron ums Verstehen, um das Begreifen der fremden wie eigenen Tragödien.

Zuletzt hatte sie sich in ihrem Roman "Who the fuck is Kafka" mit der Perspektive der Palästinenser auf den Nahost-Konflikt auseinandergesetzt. Seitdem wird sie nicht mehr in Israel verlegt. Ihre Bücher erscheinen nun in Deutschland, sie selbst wohnt teilweise in Berlin. Und vielleicht gerade wegen dieser schmerzhaften Distanzierung von ihrem Heimatland Israel ist auch ihr neuer Roman wieder stark autobiografisch geprägt und beschäftigt sich mit der eigenen politischen Positionsbestimmung.

Israelische Autoren und ihr Land
"Wir haben kein neues Israel aus der alten jüdischen Welt erschaffen können", sagt Lizzie Doron. Auch andere israelische Schriftsteller blicken enttäuscht auf das, was 70 Jahre nach Staatsgründung aus dem Traum vom neuen Israel geworden ist.

Traumatisierte Helikopter-Mutter

Die Erinnerungen der Hauptfigur Lizzie reichen von der Erzählgegenwart im Dezember 2018 bis zurück ins Jahr 1956 in ihre frühe Kindheit. Ihre von der Shoah traumatisierte Mutter ist der Typ Helikopter-Mutter. Als Lizzie in den Kindergarten geht, kommt ihre Mutter alle zwei Stunden vorbei, um nachzusehen, ob es ihr noch gutgeht. Das Kind büchst aus, verläuft sich.

"Aber in dem Viertel, in dem ich aufgewachsen bin, geht man nicht verloren. Der Mann aus Sobibor kennt die Frau aus Bergen-Belsen gut, und sie bringt mich zu der Frau aus dem Ghetto Krakau, die mich schließlich zu der richtigen Mutter aus Auschwitz zurückbringt."

Abkehr vom Opfer-Narrativ

Lizzie schämt sich für ihre Mutter. Denn Lizzie will zur Zukunft Israels gehören und nicht zur grausamen Vergangenheit Europas. Das Opfer-Narrativ, das die Holocaust-Überlebenden verkörpern, passt nicht in eine Zeit, in der Israel vor allem Stärke und Wehrhaftigkeit demonstriert. Je kritischer die Mutter also Israels Kriegsbereitschaft bewertet, desto linientreuer Lizzie.

"Ein unsagbar schönes Leben liegt vor uns, und nur meine Mutter verdirbt weiterhin die Stimmung. ,Was ist denn würdiger als die Heimat?', halte ich ihr vor. ,Wem sonst sollen wir unser Leben widmen?' ,Wenn...', sagt sie, aber ich fahre ihr gleich über den Mund. Ich weiß, sie will sagen, wenn ich im Holocaust gewesen wäre, würde ich sie verstehen. ,Ist es das, was du willst?', stichle ich. ,Dass ich auch an deinem Holocaust teilnehme?'"

"Der Toten wegen musste ich jüdisch sein"
Damit der Holocaust nicht vergessen wird, empfiehlt der Psychotherapeut Peter Pogany-Wnendt sich mit der eigenen familiären Geschichte auseinanderzusetzen. Der Holocaust zeige, wie eine Welt ohne Menschlichkeit und Liebe aussehe.

Die Schatten der Vergangenheit

Lizzie wird ihre Haltung ändern. Nach dem Jom-Kippur-Krieg 1973 zerbricht ihr militanter Zionismus. Freunde sterben, Yigal gerät in syrische Gefangenschaft, wird gefoltert, kehrt als neue Stimme der Protestbewegung zurück. Jetzt ist er so obsessiv kritisch mit Israels Besatzungspolitik, wie er vorher dogmatisch dafür war. Einen "Apartheidsstaat" nennt er sein Land.

Aus deutscher Perspektive regt sich leises Unbehagen, wenn der Roman Analogien nahelegt zwischen den Verbrechen des Holocaust und Israels Besatzungspolitik. Doch letztlich interessiert sich Lizzie Doron in ihrem raffiniert komponierten Roman weniger für die links-israelische Kritik als für die beschädigten Seelen ihrer Figuren. In lakonischem, manchmal sarkastischem Tonfall offenbart Dorons Ich-Erzählerin wie in einem Erinnerungspuzzle prägnante Episoden aus einem Zeitraum von 62 Jahren.

"Ich schaffe es nicht, mich aus seiner Geschichte zu befreien. Er ist in mein Leben verwoben."

So ist "Was wäre wenn" der bewegende Roman einer verpassten Liebe und einer schmerzhaften politischen Desillusionierung. Es gibt eben kein "Was wäre wenn", kein Zurück in eine andere Geschichte. Und für Lizzie Doron und ihre Generation existiert auch keine Gegenwart ohne die langen Schatten der Vergangenheit.

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